31 May 2026, 12:13

Theodor Lessings vergessene Schriften zeigen einen unerschrockenen Geist der Aufklärung

Wie Fliegen

Theodor Lessings vergessene Schriften zeigen einen unerschrockenen Geist der Aufklärung

Eine neu veröffentlichte Sammlung der Schriften Theodor Lessings aus dem Jahr 1924 lenkt die Aufmerksamkeit erneut auf den streitbaren Intellektuellen. Herausgegeben von Rainer Marwedel vereint das Buch 60 Artikel, die ursprünglich im Prager Tagblatt erschienen und Themen von Tierverhalten bis hin zu gesellschaftskritischen Analysen behandeln. Lessing, ein scharfsinniger Denker, wurde wegen seiner jüdischen Herkunft und pazifistischen Haltung verfolgt, bevor er 1933 ermordet wurde.

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Theodor Lessings Laufbahn nahm eine dramatische Wende, als er seine akademische Stellung verlor. Unbeirrt setzte er seine schriftstellerische Tätigkeit zu vielfältigen Themen fort – von Psychologie und Literatur bis zu gesellschaftlichen Strömungen. Seine Arbeiten stellten oft konventionelle Denkweisen infrage, darunter ein provokanter Essay, in dem er Spinnen mit Künstlern verglich: Er lobte die kreative Begabung der Spinne, während er die Fliege als unoriginell und parasitär abtat.

Einer seiner bekanntesten Beiträge entlarvte die Heuchelei bürgerlicher Gutachter während des Prozesses gegen den Serienmörder Fritz Haarmann. Lessing kritisierte deren Einschätzungen zu Haarmanns geistigem Zustand und deckte damit tief verwurzelte gesellschaftliche Vorurteile auf. Seine scharfen Angriffe richteten sich auch gegen politische Persönlichkeiten wie Reichspräsident Paul von Hindenburg, was ihn zum Ziel rechtsextremer Kreise machte.

Anfang 1933 floh Lessing nach der Machtübernahme Hitlers in die Tschechoslowakei. Dort wurde er im August desselben Jahres tragischerweise ermordet. Trotz der Namensgleichheit mit dem Aufklärungsphilosophen Gotthold Ephraim Lessing blieb er seiner Überzeugung von Vernunft und Kritik treu. Sein Erbe wurde unter anderem von Marwedel bewahrt, der 1990 eine Biografie über Lessing veröffentlichte und dafür mit dem Carl-von-Ossietzky-Preis ausgezeichnet wurde.

Die neue Sammlung mit dem Titel Natur und Ethik spiegelt Lessings Überzeugung wider, dass „die Natur tötet, um neues Leben zu schaffen“. Marwedel hat sich gemeinsam mit seinem Lebenspartner seit Langem der Aufgabe verschrieben, Lessings Werk für künftige Generationen lebendig zu halten.

Die Veröffentlichung von Natur und Ethik bietet frische Einblicke in Lessings vielseitigen Geist und seine kompromisslose Haltung. Seine Schriften, nun leichter zugänglich, fordern Leserinnen und Leser weiterhin heraus – in Fragen der Ethik, der Gesellschaft und der natürlichen Welt. Die Sammlung steht als Zeugnis eines Denkers, der sich selbst angesichts von Verfolgung nicht zum Schweigen bringen ließ.

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