Reclam bringt Songtexte von Die Ärzten und Bob Dylan in gelbe Büchlein
Emma BeckerReclam bringt Songtexte von Die Ärzten und Bob Dylan in gelbe Büchlein
Der Stuttgarter Verlag Reclam hat begonnen, Songtexte in seinen ikonischen gelben Büchlein zu veröffentlichen. Die Reihe umfasst nun Werke großer Bands und Solokünstler – von Die Ärzte bis Bob Dylan. Damit erweitert der Verlag seinen traditionellen literarischen Kanon um moderne Pop- und Rocklyrik.
Einer der neuesten Zuwächse wird Texte von Herbert Grönemeyer und der verstorbenen Rosenstolz-Sängerin Anna R. enthalten, die noch in diesem Jahr erscheinen sollen.
Reclams gelbe Büchlein sind seit langem für klassische Literatur bekannt und prägten oft die nationale Identität. Jetzt führt der Verlag einflussreiche Musiker in diese Tradition ein. Texte von Bands wie Die Ärzte und Tocotronic sowie von Künstlern wie Rio Reiser und Reinhard Mey sind nun Teil der Sammlung.
Auch Bob Dylans Lyrik ist in der Reihe vertreten – allerdings in einer rot gebundenen Ausgabe, die für fremdsprachige Texte reserviert ist. Derweil entwickelte sich das Büchlein von Die Ärzte im vergangenen Jahr zu einem von Reclams Bestsellern und steht damit neben Werken wie Goethes Faust. Die Band hat sich mit klugem Wortspiel – etwa durch die Verbindung von Hubble-Teleskop mit Lagerfeld und Joop – einen Platz im Kanon erarbeitet. Trotz dieser Erweiterung bleiben Frauen in Reclams poppoetischer Auswahl unterrepräsentiert. Die verstorbene Anna R. gehört zu den wenigen Künstlerinnen der Sammlung – ein Spiegelbild des Geschlechterungleichgewichts, das sich auch in den älteren literarischen Werken des Verlags findet.
Unterdessen hat der französische Autor Michel Houellebecq angekündigt, ein Album zu veröffentlichen und auf Tour zu gehen – eine weitere Verwischung der Grenzen zwischen Literatur und Musik.
Reclams Entscheidung, Songtexte zu publizieren, zeigt einen Wandel im Verständnis von Dichtung und kultureller Identität. Die gelben Büchlein stehen nun neben der klassischen Literatur und bieten Lesern sowohl historische als auch zeitgenössische Stimmen.
Mit den anstehenden Veröffentlichungen von Grönemeyer und Anna R. wächst die Reihe weiter – doch die Repräsentation von Frauen bleibt begrenzt.